Die Vereinschronik des BSV Gamundia 1886 e.V.

Am 13. Januar 1886 trafen sich im damaligen „Cafe Böttigheimer“, dem heutigen „Gasthaus Schützen“, 14 gutsituierte Gmünder Bürger. Sie hatten gemeinsam, dass sie Briefmarken sammelten und bisher dem „Philatelisten-Verein Stuttgart“ angehört hatten. Um diesem ehrenwerten Hobby besser frönen zu können, beschlossen diese 14 Gmünder die Gründung des „Briefmarkensammlervereins Gamundia“. Zum Vereinsvorsitzenden wählten sie den Gmünder Fabrikanten Metzler, der dieses Amt allerdings nur ein Jahr lang ausübte.

 

Heutige Kritiker mögen einwenden, dass es nicht gerade berauschend wirkt, wenn in einer Stadt, die damals immerhin 15.321 Einwohner zählte – 10.453 Katholiken, 4.769 Protestanten, 67 Juden und 32 Sonstige -, nur 14 Briefmarkensammler zu finden waren. Doch fragen wir uns, wer überhaupt damals was sammeln konnte! Im Bereich des späteren Deutschen Reiches ist die erste Briefmarke 1849 erschienen: die schwarze Ein-Kreuzer-Marke Bayerns.


 

 


Bis 1886 brachte dieses Königreich insgesamt 62 Briefmarken (einschließlich der Portomarken) heraus. Und das Königreich Württemberg verausgabte bis dahin 56 Werte darunter auch zwei Dienstmarken.

 

Insgesamt gab es bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 auf (damaligen) deutschen Boden 17 Königreiche, Großherzogtümer, Herzogtümer, Hansestädte und andere Gebietskörperschaften, die zumindest zeitweise eigene Postverwaltungen hatten. Von ihnen kamen allerdings schon vor 1871 mehrere zu Preußen, wie etwa Schleswig-Holstein und Hannover. Oder sie traten 1868 dem Norddeutschen Postbezirk bei. Thurn und Taxis – ursprünglich Fürstlicher Lehensposten – besorgte im Auftrag des Wiener Kongresses von 1815 an den Postdienst für die meisten deutschen Kleinstaaten. Doch bereits am 1. Juli 1867 übernahm Preußen die Thurn und Taxis-Post.

   
Als Folge der Deutschen Reichsgründung 1871 gingen fast alle Postverwaltungen in Deutschland auf die Deutsche Reichspostüber. Lediglich die Königreiche Bayern und Württemberg konnten wegen ihrer Sonderstellung ihre eigenen Postverwaltungen noch etliche Jahrzehnte behalten. Sie schlossen sich erst am 31. März 1920 der Reichspost an. Helgoland, ursprünglich britische Kolonie, kam erst 1890 – im Tausch gegen Sansibar – zum Deutschen Kaiserreich.
   
Die deutschen Teilstaaten, wie auch die Deutsche Reichspost betrieben eine sehr zurückhaltende Ausgabepolitik. Einerseits wohl, weil damals noch relativ wenig Post verschickt wurde, andererseits sicherlich auch deshalb, weil die Generalpostmeister und Postminister die seinerzeit doch recht wenigen Sammlern noch nicht als eine Art „Melkkuh“ entdeckt hatten. Insgesamt sind bis 1886 im Bereich des späteren Deutschen Reiches, einschließlich Helgoland und Elsass-Lothringen sage und schreibe nur rund fünfhundert verschiedene Briefmarken, einschließlich Porto – und Dienstmarken erschienen – pro Jahr also nicht einmal 15 Werte. Dazu kamen allerdings noch die ganz wenigen Marken der deutschen Auslandspostämter!
   
So manchem heutigen Sammler mag wohl das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn er erfährt, dass sein „Kollege von 1886“ alle bis dahin erschienenen württembergischen Briefmarken für nicht einmal 25 Mark am Postschalter oder beim Land-Postboten hätten erwerben können! Doch Vorsicht: Er hätte es nur können, wenn er über diese 25 Mark auch verfügen könnte. Denn ein Rossknecht etwa konnte sich glücklich schätzen, wenn er von seinem Bauern 50 Mark Lohn erhielt – nicht je Woche, oder Monat! Nein, das war sein Lohn für ein ganzes Jahr. Und dazu gerade noch Kost und Logis!
   
In der ältesten Stauferstadt gab es damals natürlich noch keinen Briefmarkenhändler: Wer also auch nicht württembergische Marken sammeln wollte, musste sich diese von Geschäftsfreunden aus den einzelnen Ausgabeländern schicken lassen. Falls er dies auch bezahlen konnte! In der Regel wurde also das gesammelte, was man als Frankatur auf der Post vorfand, die den jeweiligen Sammler erreichte! Das bedeutet also, dass die damaligen Mitglieder der Gamundia wohl fast ausnahmslos „alle Welt“ sammelten und in der Regel auch keine postfrischen Werte!
   
Dennoch nahm die Zahl der Vereinsmitglieder stetig zu: 1987 waren es bereits 17, eine Steigerung also um mehr als zwanzig Prozent! Die Mitgliederversammlung am 12. Januar 1887 wählte übrigens den Kaufmann Breymayer zum neuen Vorsitzenden. Kassier und Sekretär (Geschäftsführer) wurde Zahlmeister Heckmann und als Tauschverbandsobmann fungierte Kabinettmeister Rauscher.
   
Im Gmünder Adressbuch von 1894 werden Fabrikant Eduart Möhler als Vorstand und Fabrikant Karl Röll als Kassier der „Gamundia“ genannt, deren Vereinslokal noch immer das „Cafe Böttigheimer“ war. Und 1904 – das Vereinslokal ist inzwischen das Gasthaus „Thorbäckerei“ – werden als Vorstand Carl Stadelmaier, Graveur, als Kassier Konrad Fix und als Tauschobmann Christian Haug (vermutlich der Wirt des Vereinslokals) angeführt.
   
Späteren Unterlagen ist zu entnehmen, dass jeweils über Jahre hinweg Fabrikant Ehrhardt, Kaufmann Hans Stahl, Felix Saile und Johannes Rettenmaier Vereinsvorsitzende waren. Spätestens 1927 war das Hotel „Kübele“ für längere Zeit Vereinslokal der „Gamundia“.
   
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Schwäbisch Gmünd gleich zwei philatelistische Gruppierungen: den 1. Gmünder Briefmarkenverein und die Sammlergemeinschaft (ZF), die sich 1968 wieder zum „Sammlerverein Gamundia“ zusammenschlossen. Vorsitzende des Briefmarkenvereins, der sein Tauschlokal im Gasthaus „Hasen“ hatte, waren Gotthold Bärr, Albert Dietrich und Otto Schiesser. Als Vorstand der Sammlergemeinschaft fungierte Heinz Emrich. Der joviale Rheinländer erwarb sich große Verdienste bei der Fusion der beiden Vereine und wurde deshalb zum 1. Vorsitzenden der „Gamundia“ gewählt, ein Amt, das er bis 1988 bekleidetet. Nicht zuletzt seinen vielfältigen Aktivitäten war es zu verdanken, dass dieser Verein seine Mitgliederzahl von 75 im Jahr 1972 bis 1985 auf 120 steigern konnte. Als Emrichs Nachfolger leitet Walter Zink bis 1991 die Geschicke der „Gamundia“ und bis 2003 war Günther Pfeiffer 1. Vorsitzender eines der ältesten Briefmarkensammlervereine im heutigen Baden-Württemberg. Auf eine längere Tradition können lediglich Vereine in Stuttgart (seit 1882), Ulm (1883) und Pforzheim (1885) zurückblicken!
   
Heute Übrigens zählt die „Gamundia“ etwa 150 Mitglieder! Hinzu kommt noch die Jugendgruppe, die „Jungen Briefmarkenfreunde Schwäbisch Gmünd“, mit 15 Mitgliedern. Da etwa die Hälfte der aktiven Briefmarkensammler in der „Ältesten Stauferstadt“ jünger als 50 Jahre ist, kann die „Gamundia“ zuversichtlich in ihre Vereinszukunft blicken. Zumal gerade auch die „Youngsters“ aktiven Anteil am Vereinsleben haben!
   
Als Vereinigung von Philatelisten steht beim Jubiläumsverein natürlich dieses schöne Hobby im Mittelpunkt der Vereinsarbeit. An den Tauschtagen im Traditionslokal „Hasen“ (seit 1940), im Lamm und in der Gaststätte „Bahnhof“ in Strassdorf nimmt in der Regel gut die Hälfte der Mitglieder aktiven teil.
   
Großes Interesse – und dies nicht nur bei den „Gamundianern“ – haben bisher auch die Höhepunkte der Vereinsarbeit, die Briefmarkenausstellungen, gefunden. Viele Sammler, auch Nichtmitglieder, nutzen mehr oder weniger regelmäßig auch die Gelegenheit, sich von den Experten der „Gamundia“ über die Möglichkeiten des Sammelns („Was und wie kann ich sammeln“ und „Wie komme ich am besten zu den von mir gewünschten Marken, Ansichtskarten, Briefe, Münzen oder Telefonkarten?“) und der gesammelten Objekte optimal informieren zu lassen. Und als neuen Service für Mitbürger, die sich für dieses schöne Hobby interessieren, werden seit einiger Zeit Diavorträge zum Thema „Philatelie“ angeboten. Sie haben ein erfreulich großes Echo gefunden.
   
Die „Gamundia“ kann deshalb hoffen, künftig noch mehr Mitbürger – vor allem auch Frauen, junge Menschen und angehende Rentner – ansprechen zu können, die ein wunderschönes und für jeden Geldbeutel auch erschwingliches Hobby suchen. Ein Hobby übrigens, das den Abschied vom Berufsleben und den Übergang in das Rentnerdasein erleichtern und verschönern kann und wird! Und das etwa auch den Frauen Freude bereitet, deren Kinder erwachsen werden und deshalb ihr eigenes Leben leben wollen.
   
Bei einer so großen Gemeinschaft wie es die „Gamundia“ ist, spielt natürlich auch das Gesellige eine nicht unwichtige Rolle: Die Jahresausflüge, sind ein Beweis dafür, dass auch dieser Teil der Vereinsarbeit gewissenhaft vorbereitet und von den Teilnehmern mit dankbarem Interesse aufgenommen wird. Guten Anklang gefunden haben ebenfalls die Familienabende der „Gamundia“ wie auch das sonstige gesellige Treiben dieser aktiven Sammlergemeinde!
   

Die Gmünder Philatelisten dürfen für die Zukunft hoffen, dass die Sammlerfamilie der „Gamundia“ weiter wachsen und dass dieser jetzt fast 120 Jahre alte Verein noch mehr Aktivitäten entwickeln wird. Und dass sein Vorstand und sein Ausschuss bei seiner Arbeit im Sinne ihres Hobbys weiterhin eine glückliche Hand hat!